Es ist ein in unserer naturwissenschaftlich geprägten Zeit ein oft vergessener Aspekt, dass die Medizin nicht nur aus Zahlen, Fakten und Diagnosen besteht, sondern auch aus Geschichten. Sie ist so gesehen auch eine Kunst, die viel aus dem Hören, Wiedergeben und Schaffen von Geschichten besteht. Geschichten, die uns berühren, zum Nachdenken anregen und uns zeigen, wie es ist, in den Schuhen eines anderen zu stehen. Genau darum geht es bei der „narrativen Medizin“ – einer Methode oder eher einem ganzen Handlungssystem, das die Medizin und Geisteswissenschaften verbindet, um die medizinische Lehre und Praxis zu bereichern.
Während ihrer (doch sehr naturwissenschaftlich geprägten) Ausbildung erhalten Medizinstudierende oft den Eindruck, dass es in der Medizin für jedes Problem genau eine „richtige Lösung“ gibt – ein klar definierter Weg, der nur gefunden werden muss, um den Patient*innen zu helfen. Doch schon zu Beginn ihrer klinischen Tätigkeit werden sie mit der Realität konfrontiert: Behandlungsfälle sind häufig von Mehrdeutigkeit geprägt. Klinische Entscheidungen verlangen nicht nur präzises Wissen, sondern auch den Umgang mit Unsicherheiten und ambivalenten Gefühlen – sowohl bei Ärzt*innen als auch bei Patient*innen.
Geschichten, in all ihrer Komplexität und den unterschiedlichen Perspektiven, können eine wertvolle Vorbereitung auf solche Situationen sein. Sie spiegeln Ambivalenz und Unklarheit wider, lösen ähnliche Gefühle beim Leser oder der Leserin aus und fördern so die Toleranz gegenüber diesen Gefühlen sowie die Fähigkeit, angemessen damit umzugehen. Bereits vor fast 20 Jahren argumentierte die Ärztin und Literaturwissenschaftlerin Rita Charon in ihrem bahnbrechenden Werk zur narrativen Medizin („Narrative Medicine: Honoring the Stories of Illness“, 2006), dass narrative Kompetenzen – wie das Erstellen, Interpretieren und Diskutieren von Geschichten und Texten – ein zentraler Bestandteil der ärztlichen Ausbildung sein sollten. Leider ist dieser Ansatz außerhalb Amerikas, insbesondere an europäischen Universitäten, bislang nur wenig umgesetzt worden.
Besonders in sprachbasierten Disziplinen wie der Psychiatrie und der psychosomatischen Medizin ist es essenziell, die Erzählungen von Patient*innen nicht nur aufzunehmen, sondern auch kompetent darauf zu reagieren. Hinweise auf Ambivalenzen in der Lebensgeschichte oder im Krankheitsverlauf zu erkennen und gezielt darauf einzugehen, ist entscheidend, um Behandlungsblockaden zu vermeiden. Narrativen Medizin in der Ausbildung sensibilisiert angehende Ärzt*innen, meiner Erfahrung nach, genau für solche Aspekte und vermittelt grundlegende Techniken, um narrative Kompetenzen aufzubauen und anzuwenden.
Doch die Bedeutung narrativer Elemente reicht über die therapeutischen Fächer hinaus. Die Anamnese – das Erfassen der Krankengeschichte – ist seit jeher eine der zentralen Aufgaben der Medizin. Sie dient nicht nur dazu, mögliche Ursachen der Beschwerden zu identifizieren, sondern auch die Menschen hinter den Symptomen zu verstehen. Nur durch ein fundiertes Verständnis der persönlichen Geschichte können wir eine individuell angepasste Therapie entwickeln, die dem Patienten oder der Patientin wirklich gerecht wird.
Ein oft zitiertes Sprichwort in der medizinischen Ausbildung lautet: „Wir behandeln Menschen, keine Krankheiten“. Und Menschen konstruieren ihre Identität durch die Geschichten, die sie über sich selbst erzählen. Diese Narrative sind daher nicht nur Teil ihrer Biografie, sondern auch ein unverzichtbares Element einer modernen, individualisierten Medizin. Wie Michael Scheffel in seinem Werk „Erzählen als anthropologische Universalie“ (2004) betont, ist das Erzählen nicht nur ein literarisches, sondern ein zutiefst menschliches Phänomen, das uns dabei hilft, unser Leben zu ordnen und zu begreifen.
Indem wir narrative Kompetenzen in der medizinischen Ausbildung fördern, schärfen wir nicht nur das Verständnis für die komplexen Lebensrealitäten unserer Patient*innen, sondern machen auch einen entscheidenden Schritt hin zu einer empathischen, ganzheitlichen und letztlich wirksamen Medizin.
Meine persönliche Herangehensweise ist dabei so einfach wie wirkungsvoll: Statt mit trockenen Definitionen beginnt der Unterricht mit einer Erzählung, einer Szene aus einem Film oder einem literarischen Werk. Diese Geschichte wird zum roten Faden, der durch die gesamte Lehrveranstaltung führt. Sie ist Ausgangs- und Endpunkt vieler offener Diskussionen, Reflexions- und Schreibübungen, sowie meiner Vermittlung von Faktenwissen, das durchaus auch weiterhin seinen hohen Stellenwert hat. So wird nicht nur Interesse geweckt, sondern das Wissen verankert sich tief, weil es emotional verknüpft wird.
Zudem werden in den Werken, die darauf ausgelegt sind Spannung durch ethische und zwischenmenschliche Konflikte aufzubauen oft Themen angeschnitten, die auch in der medizinischen Realität relevant sind, in den theoretischen Lehrbüchern aber keinen Platz finden. Was bedeutet es wirklich durch eine Schizophrenie den Kontakt zur „geteilten Realität“ zu verlieren? Ist die oft ablehnende Haltung von medizinischem Fachpersonal gegenüber Alkoholikern vielleicht sogar sinnvoll? Und wie schädlich ist der ärztliche Beruf eigentlich für jene die ihm nachgehen? All diese Themen wurden in meinen Seminaren schon behandelt und sollen auch in diesem Blog Eingang finden.
Ein kurzer Blick in die wissenschaftliche Literatur zur narrativen Medizin
Wie schon erwähnt legte eine Veröffentlichung von Rita Charon aus dem Jahr 2001 das konzeptionelle Fundament der narrativen Medizin. Zwar handelte es sich nicht um eine empirische Studie, doch schuf Charon mit diesem Text ein theoretisches Modell, das Empathie, Reflexion und Vertrauen als zentrale Elemente einer patientenzentrierten Medizin hervorhob. Sie argumentierte, dass gezieltes Training narrativer Kompetenzen – etwa im genauen Lesen, Deuten und Verfassen von Geschichten – das Verständnis für die Erfahrungen von Patient*innen vertiefen und die ärztliche Praxis menschlicher machen kann. Ihre Überlegungen ebneten den Weg für spätere Forschungsarbeiten und die Integration narrativer Ansätze in medizinische Curricula.
In den vergangenen Jahren hat sich die wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit der narrativen Medizin in der Ausbildung weiter gefestigt.
Ein systematisches Review von Milota, van Thiel und van Delden aus dem Jahr 2019 zeigt, dass strukturierte Programme der narrativen Medizin – mit einem Fokus auf aktiver Teilnahme und reflektierendem Schreiben – die Empathie, das Wissen und die kommunikativen Fähigkeiten von Medizinstudierenden nachweislich fördern können. Gleichzeitig besteht weiterhin ein Mangel an gesicherten Erkenntnissen zur langfristigen Wirkung auf das klinische Verhalten und die Patient*innenversorgung (Milota et al. 2019).
Ein aktuelleres Beispiel liefert eine Studie von Leijenaar und Kolleg*innen, in der eine verpflichtende Unterrichtseinheit zur narrativen Medizin im Curriculum einer niederländischen medizinischen Fakultät untersucht wurde („An invitation to think differently“). Die Intervention richtete sich an Studierende im vierten Studienjahr und verband die präzise Analyse literarischer und filmischer Werke mit reflektierendem Schreiben und Gruppengesprächen. Das Ergebnis: gestärkte patientenzentrierte Haltungen und eine vertiefte Reflexionsfähigkeit – und das in einem Format, das für alle verpflichtend war und damit nicht nur wenige Interessierte ansprach, wie es den Wahlfächern, in denen NM oft unterrichtet wird vorgeworfen werden kann (Leijenaar et al. 2023).
Warum funktionieren Filme und Literatur in der Lehre? Ganz einfach: Sie schaffen Identifikation. Eine Filmszene oder eine Romanfigur ermöglicht es, Situationen nachzuempfinden, die man selbst nie erlebt hat. Statt abstrakter Diagnosen sehen die Studierenden plötzlich einen Menschen mit Ängsten, Hoffnungen und Träumen. Das spricht uns als Menschen an, ist tief in uns verwurzelt.
Ein Beispiel aus meinem eigenen Unterricht zu dem wir später noch ausführlicher kommen werden: Wenn wir über Schizophrenie sprechen, starten wir mit dem Film A Beautiful Mind. Die Geschichte von John Nash, einem Mathematiker mit paranoider Schizophrenie, vermittelt nicht nur Fakten über die Krankheit, sondern lässt die Zuschauer erahnen, wie es sich anfühlen könnte, wenn die eigene Realität ins Wanken gerät. Diese emotionale Verbindung bleibt oft länger im Gedächtnis als jede PowerPoint-Folie.
Eine Methode mit Potenzial – und offenen Fragen
Die narrative Medizin hat ein enormes Potenzial, das Lernen in der Medizin zu revolutionieren. Sie schafft nicht nur Wissen, sondern auch ein tieferes Verständnis für die Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig gibt es noch viel zu erforschen. Wie nachhaltig sind die Effekte? Wie lassen sich narrative Methoden systematisch in den Lehrplan integrieren? Und wie gelingt es, die Balance zwischen wissenschaftlicher Präzision und emotionaler Resonanz zu halten?
Was aber sicher ist: Die Kombination aus Geschichten und Medizin kann Türen öffnen – Türen zu einem tieferen Verständnis von Krankheit, Heilung und Menschlichkeit, aber auch den „Schattenseiten“ der modernen Medizin – Verausgabung des Personals, unmenschliche Behandlung und die vielen Probleme des bürokratischen und ökonomisierten Medizinsystems.
Wie ich schon zu Beginn gesagt habe: Medizin ist nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst. Und auch wenn sie natürlich einerseits präzise Wissenschaft ist und auch sein sollte, ist sie doch keine Naturwissenschaft, sondern eine „Erfahrungswissenschaft“. Erfahrungen werden aber nicht nur in Zahlen und Fakten weitergegeben, sondern seit jeher primär in Form von Geschichten.
Quellen
1. Charon, R. (2001). Narrative medicine: A model for empathy, reflection, profession, and trust. JAMA, 286(15), 1897–1902. [https://doi.org/10.1001/jama.286.15.1897](https://doi.org/10.1001/jama.286.15.1897)
2. Leijenaar, E., Eijkelboom, C., & Milota, M. (2023). “An invitation to think differently”: A narrative medicine intervention using books and films to stimulate medical students’ reflection and patient-centeredness. BMC Medical Education, 23, 568. [https://doi.org/10.1186/s12909-023-04666-2](https://doi.org/10.1186/s12909-023-04666-2)
3. Milota, M. M., van Thiel, G. J. M. W., & van Delden, J. J. M. (2019). Narrative medicine as a medical education tool: A systematic review. Medical Teacher, 41(7), 802–810. [https://doi.org/10.1080/0142159X.2019.1584274](https://doi.org/10.1080/0142159X.2019.1584274)
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