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"A beautiful mind" als Zugangsweg zu den "Psychosen" - Ein Bericht zu einem Onlineformat an der Universität Bratislava


Die hier dargestellte Lehrveranstaltung war Teil meines Wahlfachs „Narrative Medizin“, das ich im Wintersemester 2022 erstmals als Online-Seminar über MS Teams an der Komenius-Universität in Bratislava angeboten habe. Teilnehmende waren Studierende im fünften klinischen Jahr sowie approbierte Ärzt*innen und Psycholog*innen der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bratislava.

Ziel dieser Einheit war es, ein tieferes Verständnis für das Krankheitsbild der Psychose – insbesondere der paranoiden Schizophrenie – zu fördern: nicht nur im klinischen Sinne, sondern vor allem mit einer empathischen Perspektive auf das damit verbundene Leid, die Stigmatisierung und die oft gravierenden Auswirkungen auf Lebensqualität und soziale Teilhabe von Betroffenen und Angehörigen.

Bereits im Vorfeld hatte ich per E-Mail eine „Trigger-Warnung“ verschickt, da in dieser Sitzung sensible Themen wie Suizidalität, Selbstverletzung und soziale Ausgrenzung thematisiert wurden. Ich lud alle Teilnehmenden ein, sich bei mir zu melden, falls sie sich mit diesen Inhalten unwohl fühlten, um gemeinsam eine passende Lösung zu finden – etwa durch Auslassung einzelner Szenen. Diese Option wird zwar selten in Anspruch genommen, ist mir aber wichtig. Ich bin der Überzeugung, dass auch Medizinstudierende nicht automatisch verpflichtet sein sollten, sich mit allem konfrontieren zu lassen, nur weil sie dieses Studium gewählt haben.

Einstieg in die Thematik: Filmische Annäherung an das Erleben der Psychose

Um den Zugang zu diesem komplexen Krankheitsbild zu erleichtern, analysierten wir gemeinsam Schlüsselszenen aus dem Film A Beautiful Mind, der das Leben des Mathematikers John Nash schildert, der an paranoider Schizophrenie erkrankt. In einer Szene beschreibt sein behandelnder Psychiater die Erkrankung mit den Worten:

“The nightmare of schizophrenia is not knowing what's true. Imagine if you had suddenly learned that the people, the places, the moments most important to you were not gone, not dead, but worse... they've never been.”

Unsere Eröffnungsfrage lautete: Dient diese Aussage lediglich der dramatischen Überhöhung für ein Kinopublikum – oder enthält sie Einsichten, die Ärztinnen helfen kann, das Erleben von Patientinnen besser zu verstehen?

Struktur der Sitzung: Von Definitionen zur gemeinsamen Reflexion

Da die Vorkenntnisse im Bereich Psychiatrie unter den Teilnehmenden sehr unterschiedlich waren, begannen wir mit einer gemeinsam erarbeiteten, bewusst niedrigschwelligen Arbeitsdefinition von „Psychose“, ohne zunächst einfach nur die Diagnosekriterien zu bemühen. Diese wurde in der Diskussion als ein (teilweiser) Verlust des Bezugs zur geteilten Realität beschrieben – ein Zustand, in dem Menschen Dinge erleben, die für sie real und bedeutsam sind, für andere jedoch nicht zugänglich oder nachvollziehbar.

Dabei stellten wir auch die fast philosophische Frage, was „geteilte Realität“ eigentlich ist – und einigten uns auf eine pragmatische Definition: Die geteilte Realität ist jene Welt, die wir über unsere Sinne wahrnehmen und mit anderen durch Sprache so weit teilen, dass eine Verständigung möglich ist. Die Farbe einer roten Ampelleuchte etwa lässt sich wahrnehmen und in Worte fassen – auch wenn ihre Bedeutung oder emotionale Bewertung verschieden sein kann.

In der Diskussion äußerten die Studierenden, dass sie sich Psychosen als ein radikales Herausfallen aus dieser geteilten Welt vorstellten: Wenn jemand etwas wahrnimmt – z. B. eine Stimme hört –, das für andere nicht existiert, wird jede Kommunikation darüber zu Verwirrung führen. Betroffene stoßen mit ihren Erlebnissen oft auf Unverständnis, Ablehnung oder sogar Aggression – obwohl das Erlebte für sie selbst absolut real erscheint. Diese Einschätzung konnte ich aus meiner klinischen Erfahrung bestätigen.

Eine Teilnehmerin brachte es treffend auf den Punkt: „Menschen mit Psychose sind nicht nur aus der geteilten Realität ausgeschlossen – sie sind gleichzeitig in ihrer eigenen Realität gefangen.“ Der Wunsch, verstanden zu werden, kollidiert mit dem fundamentalen Unverständnis, das die Umwelt diesen Erlebnissen gegenüber aufbringt.

Filmische Szenenanalyse als emotionaler Zugang

Um die Empathie für diese Situation noch weiter zu fördern, analysierten wir gemeinsam mehrere Szenen aus dem Film. In der ersten vertraut sich Nash seiner Frau an und berichtet von seiner Angst, Teil einer gigantischen Verschwörung zu sein. Diese reagiert nicht wie erwartet mit Trost, sondern konfrontiert ihn – nach einem Blick in seinen Arbeitsraum – mit der bitteren Wahrheit: Seine „Entdeckungen“ existieren nicht.

Diese Szene löste spürbare Betroffenheit bei den Teilnehmenden aus. „Für ihn bricht eine ganze Welt zusammen“, sagte ein Studierender – und meinte nicht nur die Veränderungen in seinem Alltag, sondern auch seine innere Gewissheit, die fundamental in Frage gestellt wird- und das Vertrauen zu seiner Partnerin. Als Nash sich daraufhin in den Arm schneidet, um einen vermeintlich implantierten Sender zu entfernen, vermuteten einige Teilnehmer*innen einen Suizidversuch. Andere sahen darin eher den Versuch, seine Wahnidee zu verifizieren.

Die Diskussion entwickelte sich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Selbstverletzung, suizidalen Impulsen und der psychischen Not, die eine Konfrontation mit schwerer, chronischer Krankheit auslösen kann. Es wurde deutlich, wie schmerzhaft es sein muss, wenn das eigene Erleben nicht nur angezweifelt, sondern vollständig negiert wird – selbst von den nächsten Angehörigen. Statt dem Ansehen, das er zuvor als genialer Professor innehatte, wird nun als Erkrankter auf ihn herabgeblickt (filmisch sehr treffend dargestellt) und über seinen Kopf hinweg entschieden.

Anschließend stellte ich in kompakter Form die Kernsymptome und Diagnosekriterien der Schizophrenie vor, um eine gemeinsame medizinische Grundlage für die Analyse der folgenden Szenen zu schaffen.

In einer weiteren Szene war Nash erneut in einer akuten Phase seiner Erkrankung. Er hatte seine Medikamente eigenmächtig abgesetzt. Während einer Halluzination lässt er sein Kind – in dem Glauben, ein „Kollege“ passe auf – allein in der Badewanne. Als seine Frau ihn zur Rede stellt, wird er von einer Halluzination aufgefordert, sie zu töten. Er widersteht, stößt sie bei seinem inneren Kampf jedoch zur Seite, woraufhin sie mit dem Kind vor ihm flieht. Kurz darauf erkennt er erstmals, dass ein zentrales Element seiner Halluzination – ein kleines Mädchen – niemals älter geworden ist. Diese Erkenntnis führt zu einem Wendepunkt: Nash beginnt, seine Wahrnehmung zu hinterfragen – und seine Erkrankung zu akzeptieren.

Diese Szene führte zu einer Diskussion über zwei Aspekte: die mögliche Fremdgefährdung bei unbehandelter Psychose und die Frage, ob Einsicht in die Erkrankung aus dem Erleben selbst erwachsen kann. Einige Teilnehmende äußerten Bedenken: Der Film vermittle den Eindruck, nur Selbsterkenntnis führe zur Heilung – professionelle Hilfe erscheine zweitrangig. Andere sahen gerade darin einen realistischen Aspekt: Viele Patient*innen entwickeln gerade dann Krankheitsbewusstsein, wenn sie selbst Widersprüche in ihrem Erleben erkennen – ein Ansatz, der auch in modernen Psychotherapien gezielt gefördert wird.

Zwischen Soteria und Klinik: Rückkehr in den Alltag

Die letzte Szene zeigte Nash Jahre später. Er lebt mit seinen Halluzinationen, ignoriert sie aber bewusst. Er unterrichtet wieder, hat Unterstützung von seiner Universität, erfährt jedoch auch Ablehnung durch Studierende. In einer Rückfall-Episode schreit er im Innenhof seine Halluzinationen an. Ein Kollege führt ihn ruhig weg.

Diese Szene spaltete die Gruppe. Eine Psychiaterin kritisierte die Darstellung als „verantwortungslos“ – Nash erscheine unbehandelt, ungeschützt, potenziell gefährdet und gefährdend. Andere verteidigten die Szene als menschenwürdig und progressiv – es gab den Hinweis auf alternative Psychiatriemodelle wie „Soteria“, bei denen psychotische Menschen in einem nicht-klinischen Umfeld betreut werden. Gemeinsam wurde reflektiert, dass Nashs Weg keine Blaupause sein kann – wohl aber ein eindrückliches Beispiel dafür ist, wie individuelle Ressourcen und Unterstützung aus dem Umfeld ungewöhnliche Wege zum Umgang mit schweren chronischen Erkrankungen ermöglichen können.

Eine Studentin brachte es zum Abschluss auf den Punkt:

„Manchmal liegt die beste Lösung für einen einzigartigen Menschen außerhalb dessen, was wissenschaftlich für den Durchschnitt gilt.“

Abschließende Strukturierung: Fachwissen als Rückgrat, nicht als Ausgangspunkt

Erst nach dieser offenen und emotional intensiv geführten Diskussion folgte ein kurzer, systematischer Überblick über die gängigen Behandlungsansätze bei Schizophrenie – von antipsychotischer Medikation über Psychotherapie bis zu psychosozialen Maßnahmen. Die Reihenfolge war bewusst gewählt: Erst das Erleben, dann das Wissen. Diese Umkehrung der klassischen Lehrlogik soll kreatives Denken fördern und verhindern, dass Studierende sich zu früh die Szenen mit der Linse der gängigen Lehrmeinung ansehen. Wer zuerst spürt, fragt anders. Und wer anders fragt, versteht oft mehr.

Zudem baut das emotionale Erleben von Situationen in denen Überforderung und Herausforderung spürbar wird einen starken Wunsch auf sich Wissen und Verständnis anzueignen, das nützlich sein könnte, wenn man selbst in diese Situationen kommt.

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